Das Israel Museum in Jerusalem feiert sein 60-jähriges Bestehen mit einer außergewöhnlichen Ausstellung: Noch bis 12. April 2026 ist die berühmte „Great Isaiah Scroll“ – also die vollständige Jesaja-Rolle – erstmals seit dem Jahr 1968 wieder in ihrer Gesamtheit zu sehen.
Für viele der Zehntausenden Besucher, die zu diesem Ereignis erwartet werden, wird es vermutlich die einzige Gelegenheit ihres Lebens sein, dieses bedeutende Dokument der Menschheitsgeschichte vollständig zu betrachten. Die Präsentation erfolgt dabei in der „Bella and Harry Wexner Gallery” im Herzen des Museums.
Älteste vollständige biblische Handschrift

Mit 7,20 Metern ist die „Great Isaiah Scroll” die längste und am besten erhaltene unter den biblischen Schriftrollen, die zwischen 1947 und 1956 in elf Höhlen nahe Khirbet Qumran am nordwestlichen Ufer des Toten Meeres entdeckt wurden. Ihre 54 Spalten enthalten alle 66 Kapitel der hebräischen Version des biblischen Buches Jesaja.
Das einzigartige Dokument besteht aus 17 Schafslederstücken, die zu einer einzigen Schriftrolle zusammengenäht wurden, und geht zurück auf die Zeit um 125 vor Christus. Damit ist sie rund 1.000 Jahre älter als alle zuvor bekannten Handschriften der hebräischen Bibel, die alle aus dem Mittelalter stammen. Eine absolute Sensation – auch wenn sich bald herausgestellt hat, dass ihr Inhalt fast exakt den späteren Abschriften entspricht.
Seltene Gelegenheit in besonderem Rahmen

Normalerweise ist nur ein kleiner Teil der originalen Schriftrolle ausgestellt – vor allem aus konservatorischen Gründen, die bei der Planung des „Shrine of the Book” in den 1960er-Jahren noch nicht berücksichtigt wurden. Die Schriftrolle wurde 1968 zur Aufbewahrung abgenommen. Seitdem können die Besucher lediglich eine Nachbildung der vollständigen Rolle im Zentrum des „Shrine of the Book” sowie einen kleinen Abschnitt der tatsächlichen Rolle in einer seitlichen Vitrine betrachten.
Diese Ausstellung ist daher eine einmalige Gelegenheit, die Schriftrolle in ihrer Gesamtheit zu sehen. Zudem werden die Besucher auf eine persönliche Reise mitgenommen, die in der judäischen Wüste beginnt – vor den steilen Klippen der Höhle Nr. 1 an der nordwestlichen Seite des Toten Meeres, wo die ersten sieben Schriftrollen entdeckt wurden. Die Ausstellung wird aber auch neue Forschungsergebnisse präsentieren, die Licht auf die Verwendung der Schriftrolle in antiker Zeit werfen.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Bedeutung der Schriftrolle sowohl für das Judentum als auch für das Christentum. Viele der bekannten Zitate und Prophezeiungen aus dem Buch Jesaja sind zu Eckpfeilern der jüdisch-christlichen Zivilisation geworden, darunter Jesajas Vision des universellen Friedens am Ende der Tage: „Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Kein Volk wird gegen ein anderes Volk das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen.“ (2:4)
Ebenso bedeutend für das Christentum ist eine andere Vision des Propheten: „Deshalb wird der Herr selbst das Zeichen geben. Seht! Die Jungfrau wird ein Kind erwarten! Sie wird einem Sohn das Leben schenken und er wird Immanuel genannt werden. Das heißt: Gott ist mit uns”. (7:14)

Autorin: Elisabeth Kapral
Als Juristin hat Elisabeth gelernt, exakt zu formulieren. Das kommt ihr jetzt zugute, wenn sie für travel4news schreibt. Worüber sie schreibt, weiß sie dabei ganz genau, denn sie hat bereits 108 der 193 in der UNO vertretenen Länder besucht – und viele von ihnen auch mehrfach.