Hokkaido – die nördlichste der japanischen Inseln – bleibt für viele ein Geheimnis. Wer die urbane Atmosphäre von Sapporo hinter sich lässt, findet im Osten eine Landschaft, die unberührt wirkt. Hier gibt die Natur gibt das Tempo vor, der Horizont scheint kein Ende zu nehmen.
Auch die geringe Flugfrequenz verstärkt das Gefühl eines besonderen, wenig bereisten Ortes. Die kompakte Route durch Hokkaidos östliche Grenzregion ist eine konkrete Inspiration für eine Reise. Im Mittelpunkt stehen zwei Ziele – die Notsuke‑Halbinsel und das Treibeis im Ochotskischen Meer.
Ausgangspunkt ist der Flughafen Nakashibetsu, der östlichste Flughafen Japans, mit Verbindungen über Tokio Haneda sowie Sapporo New Chitose und Okadama. Nakashibetsu liegt etwa zwei Stunden Fahrt von Memanbetsu entfernt, dem Zugangspunkt zu den Treibeisfahrten. Von dort sind es rund 30 Minuten bis zur Notsuke Halbinsel. Sie ragt etwa 28 Kilometer in die Nemuro Straße und gilt als größte Sandnehrung des Landes. Ihre gebogene Form und das flache Relief lassen das Land förmlich in die See hinaustreten, über Jahrhunderte entstanden durch Gezeitenablagerungen Feuchtgebiete, Wattflächen und Lebensräume für erstaunlich viele Tierarten.
Ein besonderer Ort ist Todowara, oft das Ende der Welt genannt. Einst stand hier ein Wald aus alten Sachalin Tannen. Heute liegen bleiche Stämme über den Flats, zurückgelassen von Meerwassereintrag und allmählicher Bodensenkung. Forschungen verknüpfen diese Prozesse mit steigendem Meeresspiegel und Küstenerosion. Viele rechnen damit, dass die letzten Stämme in einigen Jahren verschwunden sind, daher lohnt sich ein Besuch, solange diese Landschaft noch zu sehen ist.

Wer zu Fuß unterwegs sein möchte, startet am Notsuke Peninsula Nature Center. Der Weg nach Todowara ist etwa 1,5 Kilometer lang, dauert rund 30 Minuten pro Richtung, und führt über Pfade und Holzstege. Saisonale Blüten wie Taglilien, Wildindigo und Apfel‑Rosen setzen Farbtupfer in die karge Landschaft. Häufig ziehen Ezo‑Hirsche in der Nähe vorbei. Die Infrastruktur ist bewusst schlicht, der Reiz liegt in der Ruhe.
Eine alternative Perspektive bieten Ausflugsboote ab dem Fischereihafen Odaito. Nach etwa 30 Minuten erreichen sie den Steg von Todowara. Unterwegs öffnen sich Blicke auf Tidenkanäle, und je nach Saison ruhen gefleckte Seehunde auf Sandbänken. Am Ziel verbleiben 30 bis 50 Minuten, um die Wege zu erkunden, bevor es mit dem nächsten Boot zurückgeht.

Auch Vogelbeobachter kommen auf ihre Kosten. Mehr als 250 Arten wurden auf Notsuke nachgewiesen, ungefähr 40 Prozent der in Japan bestätigten Arten. Im Winter kommen Seeadler dazu, Beobachtungshütten ermöglichen stilles Beobachten. Lokale Guides bieten auch langsame Erkundungsfahrten ab dem Nature Center an, um die Vögel in der klaren Luft aufzuspüren.
Von der Notsuke‑Halbinsel führt die Reise westwärts entlang der Ochotsk‑Küste nach Abashiri, dem Zentrum für Treibeisfahrten. Per Auto dauert die Panoramastrecke rund zweieinhalb Stunden. Der öffentliche Verkehr verbindet die Region ebenfalls, doch wer flexibel für Foto‑ und Zeitstopps sein möchte, ist mit dem Wagen im Vorteil.

Das Treibeis gilt als eines der ikonischsten Winterschauspiele von Hokkaido. Jedes Jahr zwischen Ende Jänner und Ende März treiben gewaltige Schollen vom Amur herab und bedecken das Ochotskische Meer. Höhepunkt ist eine rund 60‑minütige Fahrt mit dem Eisbrecher Aurora. Das Schiff pflügt durch die gefrorene See, Eisblöcke knacken, Möwen umkreisen das Schiff. An Bord gibt es beheizte Innenräume, doch die meisten Reisenden zieht es auf das offene Deck.
Bei guter Sicht strahlt der Horizont in Blau‑ und Weißtönen, mit etwas Glück sonnen sich Robben auf den Schollen. Da die Bedingungen schwanken können, lohnt es sich, den Wetterbericht regelmäßig im Blick zu behalten. Während der Saison fahren die Schiffe täglich. Tickets gibt es online oder direkt am Hafen. Shuttlebusse bringen die Gäste vom Bahnhof Abashiri und aus nahegelegenen Hotels zur Anlegestelle. Für Anreisende mit dem Auto stehen Parkplätze am Terminal bereit.

Rund um das Thema Eis gibt es weitere Erlebnisse. In Shiretoko führen Guides auf geführten Touren über das Treibeis. Dafür trägt man einen speziellen Trockentauchanzug und bewegt sich Schritt für Schritt über die Schollen. In Abashiri erklärt das Okhotsk Drift Ice Museum die Entstehung des Eises. In einem Kälteraum kann man echte Treibeisblöcke anfassen. An nahegelegenen Seen ist saisonal Wakasagi‑Angeln möglich. Zusammen mit der Schiffsfahrt entsteht ein abwechslungsreicher Einblick in die Winterökologie der Region.
Wer mehr Zeit hat, erweitert die Reise. Lake Akan liegt etwa zwei Stunden von Notsuke entfernt. Dort geben Museen und Workshops Einblick in die Kultur der Ainu. Die Uferlandschaften sind eindrucksvoll, die Onsen laden zum Aufwärmen ein. Kulinarisch lohnt sich auf Holzkohle gegrillter Fisch in Kushiro. In Akkeshi warten regionale Whiskys und frische Austern. In Sapporo setzt die Reise einen ganz anderen Akzent. Moderne Kunst und eine große Restaurantszene bilden einen lebendigen Abschluss.
Anreise und Logistik

Flughäfen
Nakashibetsu ist am bequemsten für Notsuke, die Route zwischen Haneda und Nakashibetsu wird meist mit einem täglichen Flug bedient, häufig ist die Anreise via New Chitose oder Sapporo Okadama am reibungslosesten. Memanbetsu ist ideal für Abashiri und die Treibeis‑Saison, es gibt regelmäßige Verbindungen ab New Chitose oder Sapporo Okadama sowie saisonal ein bis zwei tägliche Flüge ab Tokio.
Winterfahren
Die Straßen können glatt und windanfällig sein. Wer selbst fährt, sollte die Verkehrsregeln studieren, auf Winterreifen achten und Zeitpuffer für Wetterumschwünge einplanen. Eine Fahrt mit Chauffeur ist eine komfortable und sichere Alternative.

Autorin: Elisabeth Kapral
Als Juristin hat Elisabeth gelernt, exakt zu formulieren. Das kommt ihr jetzt zugute, wenn sie für travel4news schreibt. Worüber sie schreibt, weiß sie dabei ganz genau, denn sie hat bereits 108 der 193 in der UNO vertretenen Länder besucht – und viele von ihnen auch mehrfach.

